5. Mai 2022

Hendlsauerei: Unsere Forderungen an den Stadtrat

München hat als langjährige Biostadt und Fairtrade-Stadt eine besondere Verpflichtung im Umgang mit Ernährung und Landwirtschaft, der die Stadt aktuell nicht in ausreichendem Umfang nachkommt. Landwirtschaft und Ernährung sind in Deutschland für rund 25 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Wollen wir das 1,5 Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens und die Stadt München die beschlossene Klimaneutralität bis 2035 erreichen, kommen wir nicht daran vorbei, auch die Verpflegung auf den Großveranstaltungen im Wirkbereich der Stadt München umzukrempeln.

München muss seiner Verantwortung als Weltstadt mit Herz endlich gerecht werden und die Wiesn und alle anderen Großveranstaltungen im Wirkbereich der Stadt zu Events der Nachhaltigkeit, Ökologie und globalen Fairness machen. Die Münchner Bürger*innen haben durch ihr Engagement in Umwelt- und Klimathemen, wie etwa beim Volksbegehren Artenvielfalt und in vielen anderen Initiativen, über die letzten Jahren klar gezeigt: Der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung ist da und wird immer mehr gefordert.

Die Wiesn und alle anderen Großveranstaltungen müssen deshalb dazu beitragen, dass sämtliche Lebensgrundlagen für diese und nachfolgende Generationen weltweit erhalten bleiben und weiteres Tierleid vermieden wird. Es ist an der Zeit, keine Abstriche mehr zu machen und auf allen Flächen, auf denen die Stadt Hausherrin ist, Großveranstaltungen mit Herz umzusetzen!

Wir fordern daher für die Wiesn und alle anderen Großveranstaltungen in München. Den Forderungskatalog haben wir am 4. Mai 2022 während der Aktion Hendlsauerei den Poltiker*innen übergeben.

Die beschlossene Klimaneutralität 2035 einzuhalten.
Unter anderem müssen klimafreundliche Angebote auch bei der Vergabe Vorzug erhalten und ein klarer Anreiz zur Forcierung und Platzierung pflanzen-basierter (d.h. vegetarischer und veganer) Gerichte geschaffen werden. Jede*r Beschicker*in muss ab 2025 sukzessive mehr vegetarische und vegane attraktive Alternativen anbieten,um dadurch die eingesetzten Fleischmengen auf den Wiesn insgesamt zu reduzieren. Darüber hinaus sind weitere Faktoren zur Reduktion von Treibhausgasen einzubeziehen, etwa die ökologische Herkunft, Regionalität und Saisonalität der Speisen.

–  Den Einsatz von Produkten aus industrieller Intensivtierhaltung zu beenden.
Dies gilt für alle tierischen Lebensmittel, die auf den Großveranstaltungen Verwendung finden. Zu garantieren ist dies durch den Einsatz von Produkten mit den Siegeln des ökologischen Landbaus oder – bis dies vollständig umgesetzt ist – durch Siegel aus der konventionellen Landwirtschaft, die eine artgerechte Haltung der Nutztiere garantieren, wie etwa das Premiumsiegel des Deutschen Tierschutzbunds.

–  Den Anteil von ökologisch erzeugten Lebensmitteln sukzessive bis 2027 auf 50 % zu steigern und bis 2035 diesen Anteil auf 100 % zu erhöhen.
Bevorzugt sollten hier Lebensmittel aus der Region mit dem bayerischen Biosiegel und Bio-Verbandsware eingesetzt werden. Die unten genannte Machbarkeitsstudie soll eruieren, innerhalb welchen Zeitraums und mit welchen unterstützenden Maßnahmen entlang der Wertschöpfungskette der Anteil von bio-regionaler und Bio-Verbandsware erhöht werden kann.

–  Faire Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Acker bis zur Groß-Veranstaltung sicherstellen.
Faire Arbeitsbedingungen, faire Entlohnung und faire Preise sind ein wichtiger Bestandteil sozialer Nachhaltigkeit und auch bei uns geboten. Sie sind entlang der gesamten Wertschöpfungskette von den produzierenden Höfen über die Zulieferbetriebe bis hin zum auf den Groß-Veranstaltungen eingesetzten Personal einzuhalten und zu kontrollieren.

–  Die Kriterien des fairen Handels sind auch für sämtliche Produkte aus dem globalen Süden einzuhalten, etwa Kaffee, Bananen, Schokolade. In diesem Zuge ist eine Beschränkung auf Zulieferbetriebe vorzunehmen, die ausdrücklich die Fair Labor Richtlinien der ILO einhalten und ausbeuterische Kinderarbeit strikt vermeiden. Deshalb ist für Produkte aus dem globalen Süden zusätzlich zum Bio-Siegel das Fair- Trade-Siegel einzufordern.

Dazu gilt es den Kriterienkatalog für die Auswahl der Beschicker*innen der Großveranstaltungen grundlegend zu überarbeiten und an die globalen wie regionalen Nachhaltigkeits-herausforderungen anzupassen. Wir fordern hier:

  • Die Mindestanforderungen müssen für alle Beschicker*innen gelten, egal ob mit oder ohne Ausschreibungsbewerbung.
    Auch die sieben Brauereizelte auf der Wiesn sind zu Nachhaltigkeitskriterien verpflichtet.
  • Eine klare Verstärkung der Bepunktung des Kriterienkatalogs.
    Es muss ein klarer Anreiz zum Einsatz von regionalen Bio-Produkten, für artgerechte Nutztierhaltung und für soziale Gerechtigkeit gesetzt werden, indem Nachhaltigkeitskriterien im Punktesystem der Vergabe signifikant höher gewichtet werden.
  • Nur klar höhere Nachhaltigkeitsstandards werden bei der Vergabe miteinbezogen. Das Siegel „geprüfte Qualität Bayern“ erfüllt als reines Herkunftssiegel keine qualitativen oder nachhaltigen Standards und kann daher nicht als Nachweis für Nachhaltigkeitsaspekte bei der Bewerbung anerkannt werden.
  • Der Kriterienkatalog muss gastronomisch sinnvoll und umsetzbar sein. Wirtschaftlich und gastronomisch sinnvoll ist eine gestaffelte Erhöhung des Bio- Warenanteils von 25% in 2025 über 50% in 2027 bis hin zu 75% in 2030 auf schließlich 100% in 2035. Die Wirt*innen entscheiden dabei selbst, was gestaffelt in Bio eingekauft wird (z.B. die Kartoffeln, Schweinsbratwürste und/oder Hendl), bis spätestens 2035 ein 100%iger Bio-Anteil erreicht ist. Auch abgepackte Bio- Einzelprodukte (z.B. Popcorn oder Brezen) sind in dieser Systematik zu bewerten, denn auch die Marktbeschicker*innen außerhalb der Zelte sind Teil des Ökologisierungsprozesses und machen mit.
  •  Die Gestaltung der Verkaufspreise für die angebotenen Gerichte basiert auf einer fairen Kalkulation.
    Deshalb dürfen ausschließlich die sich erhöhenden Wareneinstandskosten durch den Einsatz von bio-regionalen Produkten und Fair-Trade-Produkten an die Gäste weitergegeben werden. Denn es ergeben sich aus der Umstellung keine höheren Fixkosten, keine höheren laufenden betrieblichen Kosten und keine höheren Personalkosten. Die umgesetzten Forderungen führen somit nicht zu einem unverhältnismäßigen Preisanstieg für die Gäste.
Unser Hendlkarusell auf dem Marienplatz am 4. Mai 2022.
Foto: Barbara Lex

Eine erfolgreiche Umsetzung dieser Nachhaltigkeitsstandards kann nur erreicht werden, wenn die Stadt München die Ernährungswende der Münchner Großveranstaltungen federführend begleitet und unterstützt. Wir fordern von der Stadt München:

  • Die Ausrichtung einer Machbarkeitsstudie zur Umsetzung der Beschlüsse. Diese wird von einem externen Dienstleistungsunternehmen durchgeführt. Teil dieser Machbarkeitsstudie ist die Bilanzierung der derzeitigen Emissionen, dieErmittlung der größten Einsparpotenziale und die Formulierung von Strategien zur Vermeidung von Emissionen in der Verpflegung (inkl. Umgang mit Speiseresten). Gleichzeitig ist ein Fahrplan zu erstellen, der einen sukzessiven Anstieg von regionalen, ökologischen Lebensmitteln vorgibt und klare Meilensteine, Ziele und Maßnahmen setzt, die in einem regelmäßigen Monitoring geprüft werden.
  • Die Konsolidierung eines Runden Tischs zur Prüfung auf „Enkeltauglichkeit“ der Umsetzung.
    Bei diesem steht der Austausch und konstruktive Dialog zwischen Politik, Verwaltung, Praxis (v.a. Vertreter*innen entlang der Wertschöpfungskette und Markt-Beschicker*innen) und Zivilgesellschaft im Fokus. Hier müssen die Herausforderungen für die Akteure entlang der Wertschöpfungskette und die Betriebe auf den Groß-Veranstaltungen klar identifiziert und adressiert werden. Notwendige Unterstützungsmöglichkeiten für die Umstellungsmaßnahmen müssen von der Stadt zur Verfügung gestellt werden.
  • Den Aufbau und die Pflege bio-regionaler Wertschöpfungsketten durch die Stadt. Die Stadt fördert ein intensives Regiomanagement in Kooperation mit den Anbauverbänden, landwirtschaftlichen Betrieben, dem Handwerk, den Lieferant*innen und den Beschicker*innen der Münchner Groß-Veranstaltungen.

 

Münchner Großveranstaltungen, wie die Wiesn, sollen Feste der Lebensfreude, der Gastfreundschaft und des Genusses bleiben. Doch gerade das Privileg, solche Feierlichkeiten ausrichten zu können, bringt eine Verantwortung mit sich, der sich München stellen muss. Denn beides im Einklang ist möglich: Spaß und Gaudi, jedoch zum Wohle aller, insbesondere als größtes Volksfest der Welt.

Mehr Informationen zur Aktion und zu den Hintergründen findet ihr hier: https: www.m-i-n.net/hendlsauerei

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