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Wohnen als Renditeobjekt statt Grundbedürfnis – Interview mit Julia Richter

Julia Richter engagiert sich seit vielen Jahren bei „Mehr Lärm für München“. Gemeinsam mit anderen organisiert sie jedes Jahr die lauteste Demo der Stadt für Subkultur, Freiräume und gegen den Mietenwahnsinn. Die nächste Ausgabe findet übrigens am 16. Mai 2026 von 14 bis 19 Uhr statt. Für die studierte Biologin muss Protest nicht nur ernst und bedrückend sein. Gerade bei Themen, die Menschen dauerhaft belasten, soll er auch Freude machen. Sonst, sagt sie, gehen Kraft und Motivation verloren, sich langfristig einzumischen.

Die Organisator*innen der Mietendemo, zu denen auch Julia Richter gehört, lernten sich bei einem MIN-Vernetzungstreffen  kennen.

Das nächste Vernetzungstreffen mit Fokus „Gerechtes Wohnen in München“ findet am 23. Juni ab 18 Uhr statt und richtet sich primär an Organisationen und Initiaitven im Bereich Wohnen und Bauen. Wer Interesse an der Teilnahme hat, kann sich bei Felicia Rief melden unter felicia.rief@m-i-n.net

Hier ein Interview über die Mietendemo, bezahlbares Wohnen in München und das neue Wohnungsmarktbarometer.

Was hat dich persönlich dazu gebracht, dich für bezahlbares Wohnen zu engagieren? Gab es einen konkreten Auslöser?

Einen konkreten Auslöser gab es bei mir nicht. Ich bin seit Jahren bei „Mehr Lärm für München“ aktiv. Wir setzen uns gegen die Verdrängung von subkulturellen Freiräumen ein, die oft durch steigende Mieten oder Luxussanierungen entsteht. Deshalb war das Thema Wohnen für mich schon lange zentral, weil bezahlbarer Wohnraum die Grundlage dafür ist, dass Subkultur in einer Stadt überhaupt stattfinden kann.

Für mich ist Wohnen eine soziale Grundfrage. Eine Stadt funktioniert nur, wenn sie für alle bezahlbar ist, auch für Menschen mit weniger Einkommen.

Was ich aber wirklich schwer nachvollziehen kann, ist, dass es in München seit 2018 keine große Mietendemo mehr gab, obwohl sich die Situation seitdem weiter verschärft hat. Die Mieten steigen, der Druck nimmt zu und trotzdem war das Thema lange nicht mehr sichtbar auf der Straße.

Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass viele Debatten stark auf Themen gelenkt werden, die sich gut zur Polarisierung eignen, zum Beispiel rund um Migration oder auch die sogenannte Stadtbilddebatte. Es ist wichtig, sich dazu zu verhalten, aber wir dürfen uns davon nicht dauerhaft vor uns hertreiben lassen. Wir müssen wieder stärker selbst Themen setzen und die Dinge nach vorne bringen, die den Alltag von sehr vielen Menschen direkt betreffen.

Genau da setzt die Mietendemo an. Das Netzwerktreffen der Münchner Initiative für Nachhaltigkeit war ein wichtiger Ausgangspunkt, um das wieder zusammenzubringen und nach vielen Jahren wieder eine große Demo zu organisieren, die das Thema bezahlbares Wohnen wieder sichtbar nach vorne stellt.

 Ihr schaut auch auf andere Städte? Welche Beispiele inspirieren euch besonders und was läuft dort besser als in München?

Ja, klar. Das naheliegendste Beispiel ist Wien. Dort wurde über Jahrzehnte konsequent öffentlicher und gemeinnütziger Wohnungsbau aufgebaut und vor allem auch behalten. Die Bestände wurden nicht verscherbelt wie in vielen deutschen Städten. Dadurch ist heute ein großer Teil der Wohnungen dem Markt entzogen und die Mieten bleiben insgesamt deutlich stabiler. Das zeigt einfach, dass es politisch steuerbar ist. Und dann gibt es Städte wie Frankfurt. Dort schaut die Stadt aktiv Inserate an und geht gegen überteuerte Mieten vor. Vermieter werden kontaktiert und im Zweifel auch sanktioniert. Das schreckt ab.

In München hat man eher den gegenteiligen Eindruck. Der Markt ist extrem angespannt, und es ist ziemlich offensichtlich, dass viele Angebote zu teuer sind. Dabei ist die Rechtslage eigentlich klar: Wenn Mieten massiv  über der Vergleichsmiete liegen und eine Zwangslage ausgenutzt wird, kann das sogar ein Straftatbestand sein.

Trotzdem hat man hier oft das Gefühl, dass beim Grundrecht Wohnen weder richtig kontrolliert noch durchgegriffen wird. Andere Städte zeigen, dass das anders geht.

Die Mietendemo am 7. Februar 2026 hat viel Medien-Aufmerksamkeit bekommen, wie bewertet ihr die Wirkung – und wie geht es jetzt weiter?

Die Wirkung von Protest lässt sich nie exakt messen. Aber in dem Fall hat man schon gemerkt, dass sich was bewegt hat. Das Thema war plötzlich überall. Alle Parteien haben auf einmal Wohnen plakatiert. Das heißt noch nicht viel, aber es zeigt mindestens, dass der Druck angekommen ist.

Und es gab auch konkrete Schritte. Direkt nach der Demo wurde der Vollzug der Erhaltungssatzungen verschärft. Das hat ganz konkret Menschen geholfen, zum Beispiel den Mieter*innen in der Neureutherstraße 1a. Die waren selbst aktiv, sind an die Öffentlichkeit gegangen und auf die Straße. Dass sie am Ende bleiben konnten, zeigt, dass sich Engagement lohnt.

Und man darf nicht vergessen: Es war seit 2018 die erste große Mietendemo in München. Allein dass wieder so viele Menschen auf der Straße waren, ist ein starkes Signal.

Wir müssen bei dem Thema aber dauerhaft Druck machen, sonst passiert nichts. Gleichzeitig ersetzt eine große Mobilisierung keine Organisierung. Entscheidend ist, dass sich Mieter*innen auch vor Ort zusammenschließen, in Häusern und Nachbarschaften. Nur so entsteht langfristig genug Stärke, um wirklich etwas zu verändern.

Mietendemo, Foto: Lukas Barth
Mietendemo, Foto: Lukas Barth
Dominik Krause, Foto: Lukas Barth

Wo siehst du aktuell die größten politischen Blockaden beim Thema Wohnungsbau in München?

Die größte Blockade sieht man gerade bei den großen städtischen Entwicklungsgebieten im Norden und Nordosten. Dort könnten zehntausende dauerhaft bezahlbare Wohnungen entstehen. Aber diese Projekte werden seit Jahren nicht mit der nötigen Priorität vorangebracht.

Gleichzeitig gibt es in München einen Bauüberhang von rund 30.000 Wohnungen. Das heißt, die sind längst genehmigt, könnten gebaut werden, aber es passiert einfach nichts. Da könnte man sofort loslegen.

Das grundlegende Problem ist, dass viel zu wenige dauerhaft bezahlbare Wohnungen entstehen. Und das hat viel mit Spekulation zu tun. Oft wird Baurecht geschaffen, aber dann wird nicht gebaut, sondern weiterverkauft oder darauf gewartet, dass die Preise noch steigen.

Am Ende wird Wohnen wie ein Anlageobjekt behandelt und nicht wie ein Grundbedürfnis. Solange sich das nicht ändert, wird sich auch an der Situation in München nicht grundlegend etwas verbessern.

Der neue Wohnungsmarktbarometer 2025 wurde gerade veröffentlicht, Überraschungen?

Eigentlich bestätigt das Barometer genau das, was viele Menschen in München jeden Tag erleben. Die Mieten steigen weiter, gerade bei Neuvermietungen und besonders bei möblierten Wohnungen. Gleichzeitig wird ganz offen beschrieben, dass keine Entspannung in Sicht ist und zeigt wie stark der Markt inzwischen durch möblierte Wohnungen geprägt wird. Fast ein Drittel aller angebotenen Bestandswohnungen war möbliert und diese Wohnungen sind im Schnitt nochmal deutlich teurer. Das ist schon eine problematische Entwicklung, weil dort die Mietpreisbremse oft faktisch ausgehebelt wird. Formal gilt die Mietpreisbremse zwar auch dort, aber über Möblierungszuschläge wird sie in der Praxis oft umgangen.

Und der Bericht sagt ja selbst, dass München weiter wächst, die Nachfrage hoch bleibt und die Flächen begrenzt sind. Das heißt übersetzt: Wenn man den Markt einfach machen lässt, wird Wohnen in München immer unbezahlbarer. Deshalb bestätigt das Barometer eigentlich vieles, worüber wir die ganze Zeit reden: Es braucht mehr dauerhaft bezahlbaren Wohnraum, eine andere Bodenpolitik und stärkere Eingriffe gegen Spekulation und Verdrängung.
Wohnungsmarktbarometer 2025

Welche konkrete Maßnahme könnte kurzfristig wirklich Entlastung bringen

Wenn man ehrlich ist, gibt es nicht die eine Maßnahme, sondern ein paar sehr klare Hebel.

Ganz oben steht ein echter Mietendeckel. Dauerhaft, ohne Schlupflöcher und auch rückwirkend. Das ist eine Bundesfrage, aber ohne so einen Eingriff werden die Mieten nicht spürbar runtergehen. Auf kommunaler Ebene gibt es aber auch Dinge, die sofort gehen würden. Zum Beispiel Leerstand konsequent erfassen und ahnden. Es kann nicht sein, dass Wohnungen leer stehen oder zweckentfremdet werden, während gleichzeitig so viele Menschen suchen. Da muss die Stadt viel konsequenter durchgreifen und im Zweifel auch zur Vermietung verpflichten.

Gleichzeitig braucht es einen klaren Stopp bei Kürzungen im geförderten Wohnungsbau. Sparpolitik schafft keine Wohnungen. Wenn man will, dass mehr gebaut wird, muss man das auch finanzieren. Geförderter Wohnungsbau ist Daseinsvorsorge und keine Verhandlungsmasse.

Und ein struktureller Punkt bleibt: Sozialwohnungen müssen dauerhaft sozial bleiben. Es kann nicht sein, dass sie nach ein paar Jahren wieder aus der Bindung fallen und dann zum Marktpreis vermietet werden. Am Ende geht es darum, Spekulation unattraktiver zu machen und Wohnen nicht länger als Geschäftsmodell zu behandeln. Die Instrumente liegen alle auf dem Tisch. Man müsste sie nur endlich konsequent einsetzen.

Der frühere Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) hat sich schon früh intensiv mit Bodenpolitik beschäftigt. Mit #ausspekuliert habt ihr sein geistiges Erbe kürzlich symbolisch an die Politik übergeben. Wie könnte München heute von seinem Wirken profitieren?

Er hat früh verstanden, dass das eigentliche Problem nicht nur der Bau ist, sondern der Boden. Genau das fehlt heute oft in der Debatte. Ein großer Teil der Kosten im Wohnungsbau entsteht durch die Preise für Grund und Boden.

Aus dieser Perspektive sind auch Instrumente wie die städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen entstanden. Die Idee dahinter ist ja, dass die Stadt stärker eingreifen und Boden dem Markt entziehen kann, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Heute sehen wir das Gegenteil. Mit Grund und Boden werden enorme Gewinne gemacht, ohne dass dafür wirklich etwas geleistet wird. Dabei ist eigentlich klar geregelt, zum Beispiel in Artikel 161 der Bayerischen Verfassung, dass solche Gewinne der Allgemeinheit zugutekommen sollen. Wenn man Vogels Ansatz ernst nehmen würde, würde man genau da ansetzen. Bodenpolitik wieder ins Zentrum stellen, Spekulation begrenzen und den Wertzuwachs stärker abschöpfen. Dann wäre auch wieder viel mehr bezahlbarer Wohnraum möglich.

Mehr zur Übergabe des Erbe von Hans Jochen Vogel

Julia Richter, Mietendemo, Wohnungsmarkt in MÜnchen

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